Die Vollkornlüge und andere Ernährungsmärchen

Eine strenge Vollwerternährung und der Verzehr von viel Gemüse schützen vor Krebs. Vegetarier leben gesünder und länger. Der maßvolle Konsum von Rotwein und Schokolade verlängert das Leben. Grüner Tee und probiotische Jogurts halten fit und gesund. Dicke sind selbst schuld an ihrem Übergewicht. Fettarme Produkte und künstliche Süßstoffe machen schlank. Die Autorin und Ernährungswissenschaftlerin Kathrin Burger führt dem Leser mit fundiertem Hintergrundwissen konsequent vor Augen, warum diese und andere Ernährungstipps und Versprechungen absolut nichts taugen.

Das Buch “Die Vollkornlüge und andere Ernährungsmärchen” räumt gründlich auf mit der Ersatzreligion “gesunde Ernährung”. Mit ihrer sachlichen und kompetenten Beweisführung zerlegt die Autorin viele Glaubenssätze, die in puncto Essen und Trinken in unserer Gesellschaft herumgeistern. Dabei wird sie aber nicht gleichzeitig zur Anwältin von Fastfood-Ketten und der Lebensmittelindustrie – ganz im Gegenteil. Aus Geschmacksgründen und wegen den Risiken durch Rückstände von Pflanzenschutzmitteln plädiert Burger für den Konsum von unverfälschten, biologisch erzeugten Lebensmitteln. Denn: “Geschmacksbildung ist Teil der Persönlichkeitsbildung.”

In erster Linie geht es der Ernährungswissenschaftlerin um das Entlarven der vollkommen überschätzten Wichtigkeit der kursierenden Glaubenssätze in Bezug auf unsere Nahrungsaufnahme und den Abbau des großen Drucks, der dadurch auf uns lastet. Die Lektüre des Werks, das zum Preis von 12,95 € beim Verlag Herder erschienen ist, hat in dieser Hinsicht tatsächlich eine befreiende Wirkung.

Viele der immer wieder kursierenden Studien und Ernährungstipps basieren auf Tierversuchen, sind fragwürdig oder schon lange widerlegt. Andere, brisante Studien bleiben in den Schubladen. Das Buch zeigt auf, welche Mechanismen dahinter stecken und klärt auf, warum die Forschung hier noch ganz am Anfang steht. So ist zum Beispiel die genetische Veranlagung scheinbar dafür verantwortlich, dass eine mediterrane Ernährungsweise bei Nordeuropäern eine ganz andere Wirkung besitzt, als bei den Bewohnern der Mittelmeerländer: Sie verlängert zwar das Leben von Spaniern und Griechen, nicht aber von Deutschen und Niederländern.

Kathrin Burger weist den Leser in ihrem Buch “Die Vollkornlüge und andere Ernährungsmärchen” auch darauf hin, welche Faktoren den größeren Einfluss auf unseren Körper haben: Bewegungsarmut, starker Alkohol- und Nikotinkonsum, Stress (besonders beim Essen!) und psychische Störungen beeinträchtigen die Gesundheit wesentlich drastischer als eine scheinbar “ungesunde” Ernährung nach Lust und Laune.

Die zentralen Sätze der Ernährungswissenschaftlerin fallen im letzten Kapitel, dem “Nachtisch”: “Es geht darum, beim Essen nicht sein Gehirn einzuschalten, um Ge- und Verbote oder Kalorien-Kolonnen abzurufen, sondern seinen Sinnen freien Lauf zu lassen. (…) Tatsächlich isst der Homo Sapiens in erster Linie, um ein Lustgefühl zu spüren, das über eine erhöhte Dopamin-Ausschüttung im Gehirn zustande kommt. Die Stillung des Hungers ist ein Nebeneffekt. (…) Das heißt: mit allen Sinnen (nicht zu billig) einkaufen, kochen und genießen. Die Sättigung spüren und auch, ob ein Lebensmittel später Bauchgrimmen bereitet oder ein Wohlgefühl. Denn: Nur Ihr Geschmack und die Reaktion Ihres Körpers kann helfen, das Essen zu finden, das für Sie persönlich das gesunde Essen ist.”

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